Donnerstag, 3. April 2008

Der antimuslimische Geschlechterdiskurs

Im antimuslimischen Geschlechterdiskurs zeigt sich besonders deutlich, wie sehr Orient- und Islambilder der kulturellen Selbstrepräsentation dienen. Indem einerseits Sexismus und Patriarchat als orientalisch bzw. islamisch und andererseits Gewalt als männlich identifiziert werden, kann die eigene (Mit-)Täterschaft an rassistischen Diskursen und Praxen geleugnet werden. Das Bild von der friedliebenden 'deutschen Frau' als Kulturträgerin, wie es bereits aus dem deutschen Kolonialismus und aus nationalsozialistischen Diskursen bekannt ist, wird hier neu aufgelegt. Im Kontrast zu 'islamischen' Männem erscheinen 'westeuropäische' noch ganz akzeptabel. 'Orientalische' Frauen dagegen werden marginalisiert als Opfer 'ihrer' Männer, Kultur und Religion. Gehört werden sie nur, sofern und solange sie Frauenunterdrückung - und zwar jene durch 'ihre' Männer, Kultur und Religion - bezeugen können. Von diesen Eindeutigkeiten abweichende Lebensentwürfe, Äußerungen und Praxen, die sich in ironischem Spiel und Persiflage, in Umcodierungen und Zurückweisungen, in kritischen Analysen und vor allem in unspektakulärem Alltag präsentieren, müssten zwar längst die Einfältigkeit und Hinfälligkeit der Bilder ad absurdum geruhrt haben. Dennoch wird daran vehement restgehalten und die Reproduktion der Bilder aktiv betrieben.
Gleichzeitig werden Parallelen zwischen islamistischen und feministischen Diskursen scharf zurückgewiesen. Beide Seiten sind bestrebt, ihre Forderungen nach geschlechtergetrenntem Unterricht oder männerfreien Räumen sowie ihre Kritik an Pornographie und »Kleidergröße 36« (Mernissi 2000) voneinander abzugrenzen.
Minderheiten, die mit Verweis auf ihre Erfahrungen Geschlechtersegregation ablehnen und auch Männer in ihre Anstrengungen zur Emanzipation einbeziehen, werden als rückständig belächelt, fürsorglich missioniert oder offen ausgeschlossen. Gleichzeitig wird die eigene Normalität, die weitgehend zwischen Männern und Frauen, Jungen und Mädchen unterscheidet und ihnen getrennte Eigenschaften, Zuständigkeiten, Werte, Verhaltensweisen etc. zuweist, geleugnet oder positiv besetzt. Indem die eigene Geschlechtertrennung als natürlich bzw. progressiv, also die Entwicklung fördernd eingeordnet wird und die der Anderen als diskriminierend und rückschrittlich, also die Entwicklung hemmend, werden Gemeinsamkeiten und Differenzen jenseits kultureller Zuschreibungen negiert. Derart kann weder aus den Erfahrungen Anderer gelernt noch können verschiedene Wege akzeptiert werden. Auf Seiten von Minderheiten fördert dies eine konservierende Verteidigungshaltung, die unreflektierte Übernahme 'westlicher' Gepflogenheiten oder Wünsche nach eigenen Strukturen. Gleichzeitig blockiert die Orientalisierung des Geschlechterverhältnisses kritische Auseinandersetzungen mit den spezifischen Formen diskriminierender Praxen und Ideologien in allen Kontexten.

Imman Attia (2007): Kulturrassismus und Gesellschaftskritik, S. 14, in: Dies. (Hg.) Orient- und IslamBilder, Münster.

21 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Der Unterschied zwischen Männern und Fauen ist kein natürlicher? Wer sorgt denn dafür, dass dem einen ein Schniedel wächst im Mutterleib und der anderen eine Muschi, wenn nicht die Natur?

Schatten kontrastieren hat gesagt…

http://metameta.org/~susi/da/node8.html

Anonym hat gesagt…

Was natürlich nichts daran ändert, das nur eine verschwindende Minderheit als Transsexuelle zur Welt kommt. In den allermeisten Fällen entspricht das soziale Geschlecht dem biologischen; schließlich können nur ein Mann und eine Frau Kinder zeugen, und Sexualität ist nun mal eine Form der Weitergabe von Genen durch Fortpflanzung.

In sofern ist das ziemlicher Unsinn, was sich da unter dem Link findet.

Schatten kontrastieren hat gesagt…

Aber dann argumentier doch mal was daran Unsinn ist. Der Artikel hebt ja nicht nur auf Transsexuelle ab, sondern darauf das biologisches Geschlecht nicht als bipolar sondern als ein Kontinuum zu verstehen ist und auch aus weitaus mehr besteht als aus den primären Geschlechtsmerkmalen:

"Es gibt unterschiedliche Organe, verschiedenes Auftreten von Chromosomenpaaren und Drüsen, die Unterschiede zwischen dem biologischen weiblichen und männlichen Körper feststellen lassen. Prinzipiell werden in der modernen biologischen Forschung jedoch männliches und weibliches Geschlecht nicht unweigerlich als zwei einander entgegengesetzte Kategorien angesehen, sondern als ein Kontinuum aus genetischem Material, den Keimdrüsen und den Hormonen"

Und mal davon abgesehen gibt es auch eine ganze Menge Männer und Frauen die aus verschiedensten Gründen keine Kinder kriegen können, aber die sind dann deiner reproduktionsfixierten Logik zufolge sexualitätslos.

Anonym hat gesagt…

Warum gibt es denn deiner Meinung nach Männer und Frauen? Menschen könnten sich doch auch geschlechtslos fortpflanzen wie Rädertierechen. Wie ist Sexualität anders zu verstehen denn als Reproduktionsstrategie?

Anonym hat gesagt…

Allerdings; Sexualität ohne Bezug auf Biologie nur als soziales Phänomen zu verstehen macht wenig Sinn. Nach diesen Gender-Theorien müsste man einen Menschen, der mit einem Penis auf die Welt kommt, durch Umwelteinfluss zur Frau machen können; wenn das kein Unsinn ist?

Übrigens sind Zeugungsunfähige Menschen das entweder durch Krankheiten oder Verletzungen, oder durch genetische Fehler; ansonsten sind sie genau so sexuell wie alle anderen (was nichts daran ändert, dass Sexualität auf Fortpflanzung gerichtet ist).

Anonym hat gesagt…

»Nach diesen Gender-Theorien müsste man einen Menschen, der mit einem Penis auf die Welt kommt, durch Umwelteinfluss zur Frau machen können«

Genauso so ist es, genau das passiert tausendfach. Sexualität dient biologisch übrigens nicht nur der Reproduktion. Homosexualität etwa ist in diesem biologistischen Weltbild (das ich nicht teile) überaus gattungsdienlich und profitabel, weil man nicht »reproduzieren« muß.

Anonym hat gesagt…

Interessant. Und wie geht das?

Anonym hat gesagt…

das ist lustig: Ausgerechnet eine/r der/die anonym im Internet ohne erkennbares Geschlecht kommentiert, behauptet, Geschlecht sei immer biologisch gegeben! ;)

Anonym hat gesagt…

womit anonym übrigens garfinkels omnipräsenzhypothese widerlegt hätte.

Anonym hat gesagt…

Ja und? SM ist auch keine Geschlechtsangabe, genausowenig wie the mule oder Schatten kontrastieren.

Nenn mich Horst oder Annemarie, ganz wie´s gefällt.

Anonym hat gesagt…

Moment mal! Das Muli ist eindeutig metrosezuell. Bald auch Comment auf Deine Anfrage, Süßer.

Anonym hat gesagt…

Festzustellen bleibt, dass die Genderisten nicht in der Lage sind, ihre Position argumentativ (geschweige denn mit Forschungsergebnissen) zu stützen. Hingegen gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass genau das Gegenteil wahr ist. Nur mal ein Beispiel:

„The ultimate fantasy experiment to seperate biology from socialization would be to take a baby boy, give him a sex-change operation, and have his parents raise him as a girl and other people treat him as one. If gender is socially constructed, the child should have the mind of a normal girl; if it depends on prenatal hormones, the child should fell like a boy trapped in a girl’s body. Remarkably, the experiment has been done in real life – not out of scientific curiosity, of course, but as a result of disease and accidents. One study looked at twenty-five
Boys who were born without a penis (a birth defect known as cloacal exstrophy) and who were then castrated and raised as girls. All of them showed male patterns of rough-and-tumble play and had typically male attitudes and interests. More than half of them spontaneously declared they were boys, one when he was just five years old.”

W.G. Reiner, Cloacal exstrophy. Paper presented at the Lawson Wilkins Pediatric Endocrine Society, Boston 2000

Schatten kontrastieren hat gesagt…

"Die Zweigeschlechtlichkeit ist geschichtlich betrachtet ein neueres Phänomen. Die Biologie setzt auch heute noch Fragezeichen hinter die Selbstverständlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit und die Eindeutigkeit der Zuordnung. Das biologische Geschlecht ist nämlich nicht immer sicher zu bestimmen. Wie Gildemeister und Wetterer zusammenfassend feststellen, treffen Biologie und Physiologie «eine weitaus weniger trennscharfe und weniger weitreichende Klassifizierung als manche Sozialwissenschaft (und das Alltagsbewusstsein) und entwerfen ein sehr viel differenzierteres Bild des scheinbar so wohlumrissenen binären biologischen Geschlechts. Männliches und weibliches Geschlecht sind nicht zwei entgegengesetzte, einander ausschliessende Kategorien, sondern vielmehr ein Kontinuum, bestehend aus dem genetischen Geschlecht, dem Keimdrüsengeschlecht und dem Hormonengeschlecht.» In der modernen Biologie werden Diskrepanzen zwischen chromosomalem, gonadalem und/oder somatischem Geschlecht als sogenannte Intersexualität anerkannt; Befunde der ethnologischen Geschlechterforschung verweisen zudem darauf, dass die Binarität der Geschlechterordnung keine universelle Selbstverständlichkeit ist."

Andrea Büchler/Michelle Cottier - Das falsche Geschlecht

Anonym hat gesagt…

Man muß nur lange genug warten können, dann kann man einfach nen link posten und erspart sich das Schreiben ....:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/53/172543/

Anonym hat gesagt…

Ja toll, Andrea Büchlerund Michelle Cottier sind Juristinnen, Gildemeister und Wetterer auf die sie sich beziehen, sind Soziologinnen. Und die sollen einem also die Biologie der Sexualität erklären; wenig überzeugend.

Übrigens handelt es sich bei dem von mir zitierten Text um das Ergebnis einer empirischen Untersuchung. Wie sit die vom Gendersitischen Standpunkt aus zu erklären? Warum zeigen Jungen, deren Geschlecht man operative veränderte und die man als Mädchen aufzog, typisch männliche Verhaltensweisen und sehen sich zu mehr als 50% als jungen?

Anonym hat gesagt…

Du mußt anders herum fragen, dann macht das ganze Sinn: wieso sind 50 Prozent trotz angeblicher biologischer Determination dennoch nicht in das männlich/weiblich Schema zu passen? Vielleicht, weil es ein Kulturprodukt ist?

Schatten kontrastieren hat gesagt…

@anonym: Mir ist nicht ganz klar, welche Argumentation du jetzt gegen ein biologisches Kontinuum das in den kulturellen Code von Zweigeschlechtlichkeit gezwängt wird in Anschlag bringst? Außer vielleicht, dass gefälligst nur die Biologie dazu was brauchbares zu sagen hätte (auf wen beziehen sich denn Gildemeister & Wetterer?). Wie hängt denn deiner Meinung nach die gesellschaftliche Ebene mit der biologischen zusammen? Woher hast du eigentlich dieses Sprachungetüm 'Genderismus' und trifft das auch auf Leute wie Butler zu die eine sex/gender Trennung für problematisch halten?

Anonym hat gesagt…

Wenn ich mich über Biologie informieren möchte, tue ich das nicht bei Juristen oder Soziologen; entsprechend gilt auch das Umgekehrte.

Man braucht sich nur die Literaturverzeichnisse entsprechnder Genderschriften anschauen, um praktisch nur Soziologen oder Philosophen zitiert zu finden, auch und grade dort, wo es um Sexualität und damit immer auch um Biologie geht. das zeigt zur genüge, dass es beim Genderismus sich um reine Ideologie handelt, die mit der Realität außerhalb des Hörsaales wenig zu tun hat.

Die gesellschaftliche Ebene hängt mit der biologischen so zusammen, dass auch gesellschaftlich lebende Menschen biologische Wesen sind; ohne ihren Körper würden sie nicht sozial existieren. Somit ist das Soziale immer auch biologisch bedingt, und wer das hinwegdiskutieren will, macht sich was vor.

Anonym hat gesagt…

Hier noch eine schöne Literaturempfehlung: „As Nature Made Him: The Boy Who Was Raised as a Girl”, von John Colapinto

http://www.amazon.com/As-Nature-Made-Him-Raised/dp/0061120561

„In 1967, the distraught parents met with Dr. Money and shortly after, Bruce became Brenda and clinical castration followed. Thus, their child, who genetically and anatomically had been born a boy, was for all extent and purposes now deemed to be a girl. Brian was now on the other side of the gender divide of his identical twin brother, the twin formerly known as Bruce.

Moreover, Dr. Money now had a dream scientific experiment, because he had a set of twins for which the unafflicted twin could act as a control by which to measure the afflicted one. In 1972, Dr. Money disclosed his "twins case" to the medical world, giving a slanted version of the experiment that made it appear to be an unqualified success. Unfortunately, his analysis of the situation did not disclose the difficulties that Brenda was having and her seeming inability to adjust to being a girl.

Apparently, though Brenda had no idea as she was growing up that she had originally been born a boy, she never felt that she was a girl. Years of follow-up visits with Dr. Money for both twins proved to be unsettling for them, as Dr. Money employed somewhat bizarre methods and procedures. Moreover, as Brenda grew older, she would resist additional surgeries and initially resisted the hormone therapy that was introduced on the eve of puberty. Even when confronted with a totally rebellious Brenda, Dr. Money, however, remained in denial about the failure of his experiment. He would continue to tout his treatment of Brenda as an unqualified success.

It was not until March of 1980 that Brenda was finally informed by her father about what had happened to her years ago and what had been decided in light of the circumstances. It was a revelation that was to dramatically change Brenda's life. What followed was a repudiation of Dr. Money's assertions with respect to his treatment. The book details the changes that Brenda was to make in her life, changes that would find her living the life she was originally meant to lead. Brenda would now become David and live the life of a male. Unfortunately, happiness would continue to elude him.“

Anonym hat gesagt…

Danke für den Link, der ist ganz interessant. Aber Du machst Dir irgendwas vor: es gibt nicht »die« Biologie des Menschen und den Menschen selber, das ist so ein Kinder Yin&Yan-Denken, gute Mensch, schlechte Mensch.
Biologie ist auch nicht gleich Körper, und schon gar nicht gleich Sexualität. Wenn es überhaupt einen Bereich des Körperlichen gibt, der in KEINSTER Weise biologisch »determiniert« ist, dann ist es »die« Sexualität. Das hat nichts mit Gender- oder postmodernem Denken zu tun, es ist einfach nur logisch und aus der (v.a. lacanschen) Psychoanalyse längst bekannt: man kann nicht »nur« Sex haben, das geht nicht, es gibt keine Urform oder »reine« Sexualität, alle Akte sind hierbei »kulturell«, also gesellschaftlich überprägt. Und überprägt heißt dabei nicht: erst war Biologie, dann Kultur, sondern das Biologische der Sexualität ist ausschließlich über »Kultur« zugänglich, ebenso wie Deine Vorstellung: daß »die« Biologie dabei dominant sei. Das ist eben schlicht ein sehr einfach rückführbares, pseudo-kausales Denken von Ursächlichkeiten oder »subjektivischer Logik«. Da, wo man den Prozeß nicht denken kann, muß man die Substanz, das Wesen, das Eigentliche einsetzen.